Nach langem Email-Ping-Pong hatte Pieter mich dann doch überzeugt ins Auto zu steigen und mir die Flytour genauer anzusehen, Probe zu segeln und evtl. zu kaufen. Da es von Dresden bis Nijmegen über 700 km sind, brauchte ich natürlich wieder Unterstützung vom Bäcker.
Ich sammelte in Dresden noch zwei Tramper ein, fuhr nach Leipzig, sackte den Bäcker ein und dann ging’s los durch Mitteldeutschland, Waldhessen und den Ruhrpott bis nach Niftrik bei Nijmegen. Wieder so eine Fahrt mit 100.000 Wörtern und vielen Geschichten. Die schönste wohl die großartige Idee war die Rotoren der riesigen Windparks in Mitteldeutschland mit farbwechselnden LEDs auszustatten um mal so richtig Kino zu machen. Träume einer besseren Welt…

Gegen 3 Uhr morgens kamen wir dann am Yachthafen an um auf der Kuhweide davor einen Parkplatz zu finden, den Kofferraum zu öffnen, die Kindersitze auf den Vordersitzen zu verstauen und den Kofferraum leer zu räumen. Das sollte unsere Schlaffläche werden. Da schon abzusehen war, dass das nicht besonders komfortabel wird (VW Caddy, kurze Version, also Golf-Plattform) gossen wir uns noch einige Biere rein. Die Klappe blieb natürlich offen, die Mücken waren begeistert und wir kämpften die halbe Nacht darum, wer jetzt seine angewinkelten Beine auf der Anhängerkupplung ablegen darf. Hier hätte ein Campingtisch wahre Wunder bewirkt. Geschlafen haben dürften wir nicht vor 5 Uhr, ich drängte dann irgendwann drauf schnell Heia zu machen, bevor das Licht wieder so teuflisch blau werde.
Pünktlich 5 nach 9 stand Pieter mit: „Ähem, Mr. Miller…???“ am Kofferraum und ich schälte mich aus Kofferraum und Schlafsack. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er bei unserem Anblick besonders begeistert war. Ich fühlte mich auch richtig schlecht, wie verprügelt oder so. Pieter fragte noch ob wir ’ne Dusche nehmen wollten, nein, aber etwas Wasser im Gesicht wäre superb. Also ab zum Yachthafen und dem Waschbecken, vielleicht wäre duschen doch nicht sooo schlecht gewesen, egal. Ich wollte das Boot sehen, mit Sonnenbrille war der Tag vielleicht doch zu überstehen. Also zusammen zum Bootssteg.

Da lag sie nun und sah recht gut aus!
Pieter machte sich daran die Persenning zu entfernen und zu verstauen, ich wollte zwar helfen, aber irgendwie hatte ich zwei linke Hände und hab ihn dann mal machen lassen. Die erste Inspektion ergab: Mastfuß ok, Lack am Mast ganz schön fertig, Persenning gut, Deck bis auf drei Stellen in gutem Zustand, Rumpf hat einen Riß am Bug, sollte reparierbar sein, Verbindungsleiste im Bugbereich auf 20 cm morsch, muss getauscht werden, alles in allem ein erwartbarer, segelfertiger Gebrauchtzustand. Ich hatte zwar eine Taucherbrille mit, verzichtete aber lieber darauf mir den Rumpf von unten anzuschauen. In der Bilge war alles staubtrocken, also Mut zum Risiko bezüglich Unterwasserschiffszustand. Dann wurf Pieter den Motor an und wir tuckerten auf den See raus. In der Mitte des Sees wurden die Segel gesetzt, super Zustand, Baum sogar mit Lümmelbeschlg, das ist ein deutlicher Innovationsvorsprung gegenüber der BM Jolle mit Klau. Bei nur 1-2 Bft konnte man nicht so viel zu den Segeleigenschaften sagen, also unterhielten wir uns mit Pieter über Verkaufsgründe und allgemeine Eigenschaften des Bootes. Seine Freundin war keine Seglerin und wollte nur „ohne Krängung“ segeln. Kommt mir bekannt vor (meine Frau sprach von „segeln können wir ja mal wieder, aber bitte ohne kreuzen“, ähnliches Kaliber), also lachten wir über den Trennungsgrund Segelboot, den er jetzt vielleicht los wird und den ich mir ans Bein binde.
Nach einer guten Stunde auf dem See holten wir die Segel wieder runter und tuckerten in den Hafen zurück um zu frühstücken. Preisverhandlung. Ich sagte Pieter, das ihm ja wohl klar wäre, das ich die Flytour nehmen werde, wir uns nur über den Preis einig werden müssen, Vorschlag meinerseits 800 €. Er meinte 850, darauf konnte ich nur entgegnen: „850 ist ok, wenn ich das Frühstück bezahle!“ Der Bäcker verstand diese Preisverhandlung zwar nicht wirklich, aber bei so einem Freundschaftspreis wollte ich nicht knausrig sein und gab der Bedienung noch ausreichend Trinkgeld.
Kaufvertrag ausgefüllt während der Bäcker sich in der Bücherecke des Yachtklubs auf der Couch breit machte, Anzahlung von 500 € auf den Tisch gelegt, Hand drauf und fertig war der Deal. Ich denke wir waren beide sehr zufrieden. Pieter stopfte mir noch die angebrochenen Lacktöpfe ins Auto und dann ging’s zurück nach Duisburg, Duitsland, wo ich den Bäcker am Bahnhof absetzte. Scheußliche Stadt!

Von da aus fuhr ich nach Oldenburg, die Familie von Omi abholen, am Telefon beichtete ich meiner Frau das ich das Boot gekauft habe, was zwar nicht auf Begeisterung stieß aber auch nicht als Scheidungsgrund herangezogen wurde. Am folgenden Wochenende wurde mir der Plan eröffnet, dass Omi sich eine Ferienwohnung in Dresden zulegen wird, also der perfekte Zeitpunkt sich so ein Freizeitprojekt ans Bein zu binden. Alle irgendwie glücklich, das Bauchgefühl passt!

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