So, nachdem das Boot nach den zwei Wochen Gastliegen am Bärwalder See im April wieder für einige Zeit in der Scheune stand, wollte es dann doch auch nochmal ins Nasse zurück. Da das aufgrund von Wetter, familiären Verpflichtungen oder was auch immer zu Himmelfahrt nicht darstellbar war, wurde nun Pfingsten geplant. Am Freitag war noch zu viel Wind und der Bäcker und ich waren am Donnerstag Abend auch auf einem Konzert mit anschließendem Bierkonsum. Da war wegen Katers sowieso nicht viel zu holen. Ich fing dann also am Samstag Vormittag noch spontan an, den bisherigen Standardeintopf als Warmproviant zuzubereiten (Linsen, Süßkartoffeln, Kartoffeln, Paprika, Champignons, Mais kleingehackt und mit Garnelen, Kokosmilch und Sojasoße abgeschmeckt) und parallel bei einigen Häfen und Campingplätzen anzurufen. Warum Campingplatz? Weil ich mir so dachte das wir erst gegen acht Uhr abends ankommen werden und bis dahin alle Slipanlagen verschlossen sein werden, wir aber, wenn wir vor Ort campen, am Samstag früh anfangen können. So der Plan. Organisiert habe ich dann einen Schlafplatz am Hafencamp Senftenberg, obwohl slippen dort aufgrund des Tiefgangs nicht möglich ist. Schlafen also dort, slippen auf der anderen Seeseite im Senftenberger Stadthafen. Das war der erste Minuspunkt, der zweite war der angesagte Preis: Mindestverweildauer (zumindest berechnete) ist dort drei Nächte. Demzufolge teuer, wenn man nur zwei Nächte bleibt und nur einen Tag zum Segeln nutzt. Das am Montag nicht mehr viel wird, war mir schon vorher klar, der ganze Abbauaufwand ist nunmal ziemlich zeitintensiv. Außerdem war zu starker Wind für meinen Geschmack vorhergesagt. Egal, gab nicht so viele Optionen und ich wollte mal woanders hin. Im Nachhinein tatsächlich ein Fehler.

Wir fuhren dann irgendwann gegen sechs an der Scheune los, es ist ja dann doch immer noch was ein- und auszupacken, noch ’n Schwätzchen zu halten, Rasen zu mähen oder was auch immer. Eigentlich guter Zeitplan, tolles Kaiserwetter, kaltes Bier im Kofferraum. Leider traf ich dann die Entscheidung, nicht durch Senftenberg zu fahren und im Uhrzeigersinn um den See herum zum Hafencamp zu fahren, sondern es andersrum zu versuchen. Ich bildete mir ein das das kürzer sein müsste. Das stellte sich aufgrund einer Straßensperrung als Fehlentscheidung raus, die uns bestimmt 1,5 h kostete. Also erst gegen halb neun am Hafencamp angekommen, den Schrankenschlüssel im „Safe“ abgeholt, Auto und Boot geparkt und das Zelt aufgebaut. Noch mit originalem Ostseesand von 2013. Den ganzen Abend am Steg Bier getrunken und philosophiert, schlafen gegangen und am Sonntag morgen dann relativ früh raus und auf den Hafencamptypen gewartet. Als er dann kam und ich das mit ihm regelte, war schnell klar, dass das ein relativ spaßfreier Geselle von der Kategorie Kleingartenvereinsvorstand ist, bei dem ich keinen Preisnachlass bekommen werde. Deshalb hab ich die Füße prophylaktisch still gehalten und bin gar nicht mit einem 50 € Argument um die Ecke gekommen. Er holte seinen Taschenrechner raus und verkündetet ungerührt: 74,50 €. Hammer! Für zwei Nächte zelten und eine Nacht das Boot am Gastliegeplatz festzumachen. ??? Nie wieder, alleine wegen der Unverfrorenheit! Aber es kam noch besser. Der Mensch nannte mir also die Box Nummer 24. Wir los zum Stadthafen, einslippen. Da dort dann noch was gegessen werden musste, dauerte das doch ’ne Ecke. Der Bäcker ging gegen 11 Uhr zwei Portionen Pommes organisieren, kam damit zurück und hatte auf einer eine total eklig aussehende Schmelzkäse-Irgendwas-Creme drauf. Die niederländischen Freunde würden sich vor Abscheu abgewendet haben, egal, erstmal was im Bauch. So ’n Sachsenmagen is ja einiges gewöhnt. Boot rein, leider war Wind aus Ost und zwar nicht zu wenig, im Mittel 4 Bft, in Böen mehr. Das hieß, dass das Boot von Wind und Welle direkt an den Steg gedrückt wurde, sobald es im Wasser war und der Bäcker es mit Bootshaken und Fußeinsatz solange fern halten sollte, bis ich die Karre samt Trailer geparkt hatte. Festmachmöglichkeiten nach Luv? Fehlanzeige. Glücklicherweise konnte ich den letzten freien Trailerplatz belegen, sonst wär das richtig blöd geworden. Nach ca. 10 Minuten zum Bäcker hin und direkt (naja, der Motor springt leider nicht direkt an, aber direkt nachdem er dann mal an war…) mit Motor und noch gelegtem Mast einmal um den Hafen rum, um an der windabgewandten Seite einigermaßen in Ruhe den Mast zu stellen und die Segel zu setzen. Als das Großsegel dann stand, funktionierte auf einmal auch Rückwärtssegeln. Ungewollt, aber es geht, muss ich mal in Ruhe üben wenn mal wieder Zeit ist. Wir hatten wegen des doch recht starken Windes die im Vergleich zur Genua etwas kleinere Fock oben sowie das eine mögliche Reff im Groß. Es waren deutliche Schaumkronen auf den Wellen, da waren Böen mit 6 bft dabei… Also fielen mir die ersten zehn Wenden aufgrund des erhöhten Adrenalinspiegels ziemlich schwer. Danach entspannte sich das aber doch recht schnell, so langsam fasse ich echt Vertrauen ins Boot. Den Bäcker scheint das irgendwie nie aus der Ruhe zu bringen, keine Ahnung was mit dem los is…

Allerdings waren an diesem Feiertag relativ viele blinde Motor- und Schlauchbootpiloten unterwegs, manche von denen gucken echt überhaupt nicht. Teilweise wird mit dem Rücken in Fahrtrichtung mit irgendwelchen Menschen im Cockpit gequatscht, Minutenlang, echt unfassbar. Naja, wir wendeten ungefähr 60 mal bis wir die Düse an der Nordseite des Sees durchquert hatten, am Ostende gab’s dann viel mehr Platz, sodaß wir dort rumsegelten bis der kleine Hunger kam. Ohne Düseneffekt war der Wind dort hinten auch deutlich moderater als in der Seeenge von Senftenberg. Impressionen:

Kurzes Video:

Der Hunger kam dann irgendwann. Also zum Hafencamp gesegelt, bei achterlichem Wind etwas zu lange gewartet bis wir die Takelage runter holten und dann startet der Motor ja so schlecht… Wir mussten also kurz an der Begrenzungsboje zum Naturschutzgebiet festmachen, bis der Motor dann endlich zum Laufen gebracht wurde vergingen wohl 5 Minuten. Ohne die Boje wären wir wohl bis zum nächsten Strand getrieben. Dann festgemacht, was sich ohne schützende Außenmauern bzw. Schwimmstege bei der Windrichtung als nicht ganz einfach rausstellte. Der Bäcker war so schlau, festzustellen das wir doch lieber einen der innen liegenden Plätze benutzen sollten, ich widersprach ihm mit dem Verweis auf den Hafenmeister, der uns ja einen Platz zugewiesen habe. Es waren nunmal nicht mehr so viele frei und da wollte ich niemandens Platz blockieren, während wir um den Campingkocher rumsitzen. Neben diesem „ungünstigsten aller Plätze“ lag ein älteres Paar, was relativ hilfsbereit war mit Leinenübernahme und so, aber auch der Herr konnte sich den Spruch „hättet ihr mal lieber auf der windabgewandten Seite fest gemacht“ nicht verkneifen. Recht haben sie ja schon, aber ich wollte niemanden blockieren, ich lege ja auch kein Handtuch auf Schwimmbadliegen. Nachdem wir das Boot festgemacht hatten, war ich mit dem Ergebnis alles andere als zufrieden. Das schwoijte wie Sau, da die Welle nun mal direkt von der Seite rein lief. Den Platz kann man meiner Meinung nach wirklich nur bei Wind aus West oder Nord vergeben, bei Ost, wie heute, bestimmt nicht. Ich ging also mit dem klaren Plan das zu ändern zum Hafenmeister und fragte freundlich an,ob er uns einen alternativen Platz anbieten könnte. Nein, konnte er nicht. Rührungslos, ohne Begründung, der Technokrat. Ich versuchte ihn (besonders wegen der schlechten Erfahrungen des letzten Herbstes) zu überzeugen, doch als Antwort kam nur ein hochnäsiges „Wenn Du kein Vertrauen in Deine Klampen hast, kann ich Dich hier gar nicht liegen lassen, dann ist Dein Boot ja auch ein Sicherheitsrisiko für die anderen…“. Ich verwies nachdrücklich darauf, dass das der ungünstig denkbarste Platz ist, doch er versuchte nicht mal irgendwie nachzudenken ob noch was anderes frei ist, sondern konterte nur „Ich segle ja seit 20 Jahren und man kann ein Boot bei jeder Windrichtung sicher festmachen, wenn Du Hilfe brauchst, komm‘ ich auch gerne runter und helf‘ Dir dabei.“ Na, dann, soll er mal zeigen wie er das macht. Der Experte. Zehn Minuten später war er am Steg und bastelte 15 Minuten mit mir zusammen an einer funktionierenden Befestigung (Vor- und Achterspring). Nur bringt das eben alles nicht wirklich was, wenn man nur noch 30 cm „Land“ in Wind-und Wellenrichtung hat und somit nur einen lächerlichen Befestigungspunkt im Winkel von 85 ° zum Wind belegen kann. Der Typ war dann doch zufrieden, na klar, ist ja nicht sein Boot. Drauf schlafen wäre mit Seekrankheit verbunden gewesen. Ich hab ein kurzes Filmchen gemacht, das die Bootsbewegungen aber eher in einer stilleren Phase zeigt, da war stellenweise deutlich mehr Bewegung drin. Aber Akku ging zur Neige.

 

Wir setzten uns also auf die Campingwiese und machten den Campingkocher an, um den tiefgekühlten Dal-Eintopf warm zu machen. Lekker smakelijk… Dann ging’s wieder auf’s Boot zurück, noch 2-3 h segeln, mit der sicheren Erkenntnis, sich abends, wenn der Typ nicht mehr da ist, einen geeigneten Liegeplatz für diese eine Nacht zu suchen. Der Typ hätte es fast geschafft, mir den Tag zu versauen. Super erschreckend, wie schnell man wegen so eines unkooperativen, hochnäsigen Verhaltens und der Erkenntnis hier wirklich abgezogen zu werden, die gute Laune verlieren kann. Mit Abstand der schlechteste Hafenmeister den ich bisher kennen gelernt habe, ich werde meinen google-account wohl dazu nutzen, eine miserable Bewertung zu hinterlassen. Das Mindeste. Natürlich sehen die keinen cent mehr von mir. Der Punkt mit der Mindestaufenthaltsdauer von 3 Nächten ist für Camping und Gastliegeplätze nicht weniger als eine Frechheit. Beim Campen, Rad- oder Wasserwandern will man ja gerade Flexibilität, warum soll ich da einen total überteuerten Übernachtungspreis berappen und wo ist der Aufwand für’s Personal? Wirklich unverständlich.

Zwischenzeitlich genossen wir den Sonnenuntergang auf dem See, glücklicherweise telefonierte der Bäcker nach Hause, um herauszufinden wo man evtl. noch Bierreserven auffüllen kann und vlt. noch was zum Abendessen bekommen könnte. So im Vorbeilaufen hatten wir gestern nämlich nichts entdecken können.

Nachdem das geklärt war und die Öffnungszeiten des Campingplatzes nebenan doch knapp bemessen waren, fuhren wir in der Dämmerung zurück, organiserten uns einen geeigneten Liegeplatz (3 Stück in windabgewandten Boxen waren noch frei und da wir das letzte Boot auf dem See waren, war das verantwortbar). Da kam dann auch der ältere Mann der Nachmittags schon wusste, das wir doch lieber einen anderen Platz nehmen sollten, nickte mit dem Kopf und klopfte uns auf die Schultern. Der Typ würde morgen auch erst gegen Mittag wieder kommen und wir sollten dessen Ansagen mal nur nicht zu ernst nehmen. So siehts aus.

Also schnell fest gemacht und was zu Essen besorgt. Das Gastropersonal zickte ganz schön rum (21:05 Uhr, die Küche ist schon zu). Also gingen wir weiter und wurden beim italienischen Pizzakiosk fündig. Die waren nett und hatten sogar Spaß daran, uns noch zwei Portionen Spaghetti alio e olio zuzubereiten, das letzte Bargeld ging dann für gekühltes Bier drauf, tutti bene! Bier vertilgt, gut geschlafen, morgens das Zelt zusammengeräumt, das Boot bepackt und zurück zum Stadthafen gefahren.

Da wir wenig Lust hatten den Mast wieder irgendwo in der Nähe des Fähranlegers zu legen, machten wir das direkt am Liegeplatz und motorten erstmal gegen Wind und Welle zurück. Da wurde es auch kurz mal nass, Windstärke 6 eben.

Beim Ausslippen stellten wir uns ziemlich rabiat an. Der Bäcker ließ mich im Vorbeifahren am Fähranleger rausspringen, ich joggte zum Fahrzeug, holte Auto und Trailer, fuhr die Chose die Slipanlage runter und warte, dass der Bäcker das Boot auf den Trailer fährt. So die Theorie. Dabei hatte ich ihm wohl zuviel Rücksichtslosigkeit zugetraut, die Nummer zog er dann (glücklicherweise) doch nicht durch. Er kam da mit Halbwind, wieder voll aus Ost, angetuckert und die Flytour schwankte wie besoffen mit ca. 20° Amplitude von links nach rechts und wieder zurück. Bei 90 cm Tiefgang macht das eine Kielbewegung von vielleicht 25 cm in jede Richtung. Der Kiel hätte nie im Leben in die Kielführung des Trailers rutschen können. Er versuchte es zweimal, merkte aber das wird nix (ich hab ihm das nicht ausgeredet, wahrscheinlich weil ich es nicht wahr haben wollte) und sprang dann irgenwann einfach vom Boot ins Wasser, nachdem er mir die Bugleine übergeben hatte. Jetzt standen wir beide da, versuchten das Boot irgendwie in den Trailer einzufädeln, scheiterten aber kläglich. Das Boot klemmte irgendwo mit dem Kiel fest und ließ sich nicht dazu bringen gerade auf die Rollen zu rutschen. Zwei Versuche gaben wir uns, die Geräusche des frisch gestrichenen Rumpfes waren zum Nackhaare sträuben. Also gab’s bei mir doch die Einsicht des Scheiterns und ich beorderte den Bäcker eine luvseitige Heckleine anzubringen und damit 10 m nach Luv und Richtung Bootsbug auf die Kaimauer zu klettern, um das Boot von dort zu beruhigen und gerade zum Trailer auszurichten. Er tat das, es funktionierte beim zweiten Versuch und das Boot wurde hochgezogen. Als ich dann am Parkplatz mit dem Festzurren begann, bekam ich ob der Kratzer fast Pippi in den Augen. Eine abgeplatzte Stelle, etwa Daumengroß und mehrere ca. 15 cm lange Kratzer. Ziemlich tiefe. Kacke. Aber wenigstens kein Loch im Rumpf, schlimmer geht ja immer, das läßt sich wohl beheben. Als wir dann später an der Scheune ankamen, mischte ich noch ein paar Tropfen Unterwasseranstrich an und überpinselte das notdürftig. Irgendwann später fuhr ich nochmal hin und schützte die scharfkantigen Stellen am Trailer mit Stücken eines alten Fahrradmantels um das Risiko der Wiederholung für die Zukunft etwas zu minimieren.

Auf dem Heimweg machten wir nochmal in Senftenberg City Stop und gönnten uns noch einen Döner. Damit war dann auch wirklich der letzte Rest Kleingeld aufgebraucht. Dabei wurde uns bewußt, das die Nummer mit den Nazis hier einfach dazu gehört, wohnt man hier, sind das die Eltern der Freunde Deiner Kinder, die Nachbarn, die Typen hinter Dir an der Lidl-Kasse, die Typen an der Tankstelle und und und. Man muss nicht mit denen sprechen aber verbietet man dann den Kindern den Umgang mit deren Kindern? Erschreckend, aber Realität. Nur was tun? Ausgrenzen läuft hier nicht, die sind hier Mainstream oder zumindest größte Randgruppe. Der Bäcker verwies zurecht auf die Ostdeutschlandmode. An diesem Wochenende sahen wir keinen Typen mit langen Haaren, niemanden der irgendwie „alternativ“ oder abgeranzt gekleidet war, niemanden mit gefärbten Haaren oder Nasenring, noch nicht mal Grufties. Nur Ronnies und Mikes mit Kurzhaarschnitt oder ganz rasiert, Tribaltätowierungen, Thor Steinar-Shirts oder zumindest Hillficker, Nike, Adidas… Oder Crystal-Opfer, aber die sind meistens genauso Ronny-Stil. Ansonsten Outdoorbekleidete die eher nicht auffallen wollen. Wie früher, nur nicht auffallen, nur nicht anecken, im Privaten sein Ding machen, mal campen gehen.

Quo vadis?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s